Offener Brief - Reaktion auf die Statements des Rektorats zu den Chemnitzer Geschehnissen

Lieber Herr Strohmeier,
lieber Herr Eibl,

hiermit beziehen die Referate Antidiskriminierung und Hochschulpolitik Stellung zu Ihrer öffentlichen Reaktion zu den Ereignissen der letzten Wochen in Chemnitz.

Wir begrüßen, dass Sie sich mit einem Statement an die Öffentlichkeit wenden, vor allem, weil unsere Universität die internationalste in Sachsen ist. (Alltags)Rassismus und Diskriminierung sind somit eine wichtige Thematik für uns.

Die beiden Referate möchten jeweils mit einem offenen Brief auf Ihre Stellungnahme reagieren.

Im Folgenden finden Sie die beiden offenen Briefe.

Mit freundlichen Grüßen

Referat Antidiskriminierung                                                  Referat Hochschulpolitik

 

Offener Brief zur Rolle der TU Chemnitz in den Ereignissen der letzten Tage

Zunächst möchten wir honorieren, dass der Rektor und Prorektor der TU Chemnitz in einem offenen Brief erklärten, die Universität sei „sich ihrer regionalen Verantwortung bewusst“ und werde „die von ihr gelebten Grundsätze der Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Weltoffenheit weiterhin selbstbewusst nach außen tragen.“ Da jedoch die TU – mit Verweis auf die „gelebte Kultur an unserer Universität“ und die Herkunft der Studierenden und Mitarbeiter_innen – als Bollwerk gegen „Gewaltverbrechen, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus“ in Szene gesetzt wird, sehen wir uns genötigt, die Aufmerksamkeit auf Positionierungen fern von derartigen Betroffenheitsbekundungen zu lenken.

Neben rassistischen und sexistischen Äußerungen in der Lehre, auf die uns Studierende aller Fakultäten aufmerksam machen, gibt es auch immer wieder Stimmen von Professor_innen[1] , die an die Öffentlichkeit drängen. Wenige Monate nach der Wahl Donald Trumps rief das Mitglied des Hochschulrats, Hans J. Naumann, bspw. zur Disziplinierung der schwarzen und zum Zusammenhalt der weißen US-Amerikaner_innen auf; ein halbes Jahr zuvor machte der ehem. außerplanmäßige Professor an der TU, Lothar Fritze, von sich reden, als er unter dem Titel „Der böse gute Wille“ die „Willkommenskultur“ als ein gegen den Willen des Volkes und von der „politisch-medialen Klasse“ forciertes „totalitäres“ Projekt bezeichnete.

Nun kann man sich, wie Fritze es aus anderem Anlass in einem Gastbeitrag in der rechtsradikalen Zeitschrift „Sezession“ tat, hinter der verfassungsrechtlich verbrieften Wissenschaftsfreiheit verstecken. Wenn sich aber die Universitätsleitung, wie 2015 geschehen, gegen eine öffentliche Thematisierung der Verbrechen des NSU in Form einer Ausstellung entscheidet, muss sie sich nach den Mitteln befragen lassen, mit denen „Gewaltverbrechen, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus“ verhindert werden sollen. Lediglich Betroffenheit zu bekunden, erscheint uns jedenfalls zu kurz zu greifen.

In der Vergangenheit bot die Hochschule immer wieder Wissenschaftler_innen einen Raum, die menschenverachtendes Gedankengut bagatellisierten. Derselbe em. Prof. Eckhard Jesse, der als langjähriger Inhaber des Lehrstuhls für politische Systeme und Institutionen die Unterschiede zwischen rechts und links tendenziell in den Schatten der Gemeinsamkeiten stellte, ging schon vor seiner Lehrtätigkeit in Chemnitz verhältnismäßig großzügig mit Anliegen der Rechten um. Die Forderung Martin Broszats nach einer „Historisierung des Nationalsozialismus“ fehlinterpretierend, reduzierten Jesse et. al. den Holocaust zwar nicht, wie jüngst Alexander Gauland (AfD), zu einem „Vogelschiss“, aber doch zu einem „Detail der Geschichte“.

Die Reihe parawissenschaftlicher Meinungsäußerungen, die sich bspw. durch die biologistischen Thesen des Stichwortgebers Thilo Sarrazins, Prof. Heiner Rindermann, erweitern ließe, soll nicht über Gegenbeispiele, die es zweifelsohne an der Universität gibt, hinwegtäuschen. Unser Anliegen ist vielmehr, darauf hinzuweisen, dass Professor_innen der TU selbst es sind, die vielen Forderungen und Ansichten derjenigen, die nun Betroffenheit auslösen, eine wissenschaftliche Absicherung geben

Zwar existiert die Universität nicht außerhalb der (Stadt-)Gesellschaft und bildet diese folglich auch ab, wie das Beispiel eines Angestellten illustriert, der als Mitglied des AfDKreisverbandes Mittelsachsen laut einem Facebook-Eintrag Hoffnung aus den Aufmärschen der letzten Tage schöpft. Dennoch ist danach zu fragen, wieviel Raum derartigen Emotionen gegeben wird. Ist es lediglich Zufall, dass Sebastian Maaß, der vorwiegend in rechtsradikalen Blättern publiziert, die Promotion bei Prof. Frank-Lothar Kroll – einem mehrmaligen Referenten am rechten Institut für Staatspolitik (IfS) – anstrebte?

Unserer Ansicht nach ist es nicht haltbar, die Universität ungebrochen als Bollwerk gegen „Gewaltverbrechen, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus“ zu preisen. Wir begreifen die Selbstdarstellung im offenen Brief des Rektors und Prorektors daher als Selbstverpflichtung, nicht aber als Zustandsbeschreibung. Die Bewilligung der Ausstellung „Opfer rechter Gewalt in Sachsen“ in diesem Sommersemester gibt Hoffnung, dass der offene Brief auch in diesem Sinne zu verstehen ist.

Referat für Antidiskriminierung

des Student_innenrats der TU Chemnitz

 


[1] Da auf den Geisteswissenschaften eine besondere Verantwortung für gesellschaftspolitische Themen lastet, soll sich im Folgenden v. a. auf Repräsentanten dieser Denktradition konzentriert werden, ohne jedoch das Schisma von Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft ein weiteres Mal in Fragen der Verantwortlichkeit perpetuieren zu wollen.

 

Offener Brief der Hochschule zu den Chemnitzer Geschehnissen

Lieber Herr Strohmeier,
lieber Herr Eibl,

vielen Dank für die Distanzierung der Hochschule, die Sie im offenen Brief klargestellt haben. Wir hoffen, dass die Geschehnisse einen Anlass bieten, um die international agierende TU Chemnitz auch als gesellschaftliche Akteurin aktiv, nachdrücklich und mit deutlichen Taten ins aktuelle Geschehen einzubinden.

Sicherlich ist nach derartigen Ereignissen für Reaktionen eine gewisse Eile gefragt. Dennoch stellt sich uns die Frage, was aus der vielmals angepriesenen TUC-Familie geworden ist. Schon vor Ihrem Amtsantritt hat der StuRa oft genug thematisiert, dass die TU Chemnitz nicht frei von Gewalt und Rassismus ist und das Rektorat klare Kante zeigen muss. Nahezu jedes Turnustreffen zwischen Rektorat und StuRa beinhaltete auch das Thema „Umgang mit (Alltags)Rassismus“ in irgendeiner Form.

Kaum steht der Mob (fast) vor der Tür, äußert sich ein Teil der Hochschulleitung. Wo sind die anderen Mitglieder des Rektorates? Warum nicht mit anderen Akteur_innen gemeinsam? Wo ist die TUC-Familie geblieben? Die Dekane? Der Mittelbau? Die Verwaltung? Warum zeigt man hier nicht, dass sich die TU Chemnitz dem geschlossen entgegenstellt.

Die Art und Weise des Offenen Briefes wirft leider ein getrübtes Licht auf das jederzeit betonte „gemeinsam“, was für ein Miteinander ziemlich schade ist.

Mit freundlichen Grüßen

Florian Melcher                 Verena Traubinger                          Jeanine Lorenz                  Marius Hirschfeld


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