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Artikel vom 23. Mai 2016

Kategorien: Referat Antidiskriminierung, Referat Kultur, Startseite

Vortragsreihe "Querfront und die Neue Rechte"

Vortragsreihe „Querfront und die Neue Rechte“

organisiert vom Referat für Antidiskriminierung des Student_innenrates der TU Chemnitz

Die politischen Kategorien links und rechts haben keine Bedeutung mehr. Befördert durch renommierte Wissenschaftler*innen seit den 1980er Jahren scheint diese Behauptung zumindest auf breiten Zuspruch von Politik und Zivilgesellschaft zu stoßen. Zugleich ist zu beobachten, wie der postpolitische Common Sense in jüngster Zeit von einem Anwachsen rechts-nationaler bis völkisch-rassistischer Bewegungen begleitet wird, die in Teilen erfolgreich darum bemüht sind, Querfronten bis in linke Kreise entstehen zu lassen. Getreu dem wilhelminischen Ausspruch „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche!“ wird ein Volk imaginiert, das politische Gegensätze transzendiert. Wir beobachten mit Sorge, dass die neuen Querfronten, die sich selbst weder rechts noch links verortet sehen wollen, Ressentiments, völkisches Gedankengut und Verschwörungstheorien boomen lassen.

Für uns stellt sich daher die Frage, wie die Querfrontstrategie der Neuen Rechten ihre spätestens seit den Friedensmahnwachen nicht zu übersehenden Erfolge zeitigen konnte und wie dagegen vorgegangen werden kann. Zu diesem Zweck haben wir diese Vortragsreihe geplant. Besprochen werden sollen die publizistischen und politischen Akteur*innen und ihre Strategien, von denen sie Gebrauch machen, um an gesamtgesellschaftliche Diskurse anzuknüpfen beziehungsweise diese im eigenen Interesse zu modifizieren. Um eine inner- wie außeruniversitäre Sensibilität hierfür zu entwickeln, gilt es vor allem die lancierten Inhalte selbst unter die Lupe zu nehmen und zu dekonstruieren. Zur Sensibilisierung gehört unseres Erachtens zudem, einen Blick auf die Bedingungen der Möglichkeit genannter gesellschaftlicher Tendenzen zu werfen. Schließlich entstehen Bewegungen nicht im luftleeren Raum. Um über mögliche Lösungsansätze miteinander ins Gespräch kommen zu können, halten wir die Klärung all dieser Aspekte für unerlässlich.

Donnerstag 02. Juni 2016 - 19 Uhr

Ort: Raum W014, Uni- Teil Weinholdbau Reichenhainer Str 70

Prof. Dr. Alexander Gallus

(Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte an der TU Chemnitz)

Einleitung in die Veranstaltungsreihe und kurzen Streifzug durch die Geschichte der Querfrontstrategie:

Querfonten sind kein isoliertes Phänomen der heutigen Zeit. Prof. Dr. Alexander Gallus eröffnet daher die Vortragsreihe mit einem kurzen Überblick über Querfront-Stationen, die sich in der deutschen Zeit- und Ideengeschichte finden lassen. Den Fokus legt der „Weltbühne“-Kenner dabei auf die Weimarer Zeit.

Prof. Dr. Karin Priester

(emeritierte Professorin an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster; Schwerpunkt Politische Soziologie)

Thema:

Rechter und linker Populismus: Annäherung an ein Chamäleon

Zum Inhalt:

Nach der großen Systemauseinandersetzung des 20. Jahrhunderts mit den Polen Kommunismus und Faschismus erlebt der Populismus seit den 1990er Jahren einen Aufschwung. Dieses Phänomen stellt die repräsentative Demokratie und ihre politischen Akteure vor neue Herausforderungen. Karin Priester stellt die wichtigsten Definitionen und Typologien des Populismus vor und gibt dabei einen breit gefächerten Überblick über seine neuen Erscheinungsformen im linken und rechten politischen Spektrum: vom Chavismus in Venezuela über die Tea-Party-Bewegung bis hin zur Occupy-Wall-Street-Bewegung in den USA. Vor dem Hintergrund dieser Beispiele fragt die Autorin sowohl nach dem Bedrohungspotenzial als auch nach einer möglichen positiven – erneuernden und korrigierenden – Funktion des Populismus für die repräsentative Demokratie.

Donnerstag 09. Juni 2016 - 19 Uhr

Ort: Altes Heizhaus, Uni- Teil Str. der Nationen 62

Dr. Piotr Kocyba

(Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Kultur- und Länderstudien Ostmitteleuropas an der Technischen Universität Chemnitz)

Thema:

„Gutwillige Bürger“, das „normale Volk“ und „kulturell begründete Sorgen“ – oder wie „vernünftig“ PEGIDAs Islamfeindlichkeit ist

Zum Inhalt:

<pre class="western">
<font face="Arial, sans-serif">PEGIDA hat von Beginn an emotionelle Reaktionen hervorgerufen. Insbesondere die islam- und einwanderungsfeindliche Rhetorik provozierte dabei polemische Kommentare
(bspw. „Nazis in Nadelstreifen“). Die Verurteilung des rassistischen Potenzials PEGIDAs, wenn auch teilweise hysterisch vorgebracht, war jedoch nicht die einzige
Reaktion – insbesondere die beiden Dresdner Politikwissenschaftler Hans Vorländer und Werner Patzelt haben mit ihren unabhängig voneinander durchgeführten Studien versucht, 
die Kritik an PEGIDA zu korrigieren. Die Kernaussage der beiden Politikwissenschaftler lautet dabei, bei den Demonstranten sei nicht etwa Rassismus auszumachen;
vielmehr handele es sich um demokratiemüde und schlichtweg besorgte Bürger, die man nicht kritisieren, sondern ernstnehmen und anhören müsse. Wie weitgehend dabei der 
(v.a. antiislamische) Rassismus verharmlost wird und wie problematisch diese Verharmlosungsstrategien selbst sind, wird detailliert anhand der bislang veröffentlichten
Studien nachgezeichnet.</font>
<pre class="western">
<strong><font face="Arial, sans-serif">Donnerstag 16. Juni 2016 - 19 Uhr </font>
</strong>

Ort: Altes Heizhaus, Uni- Teil Str. der Nationen 62

Jan Rathje

(Politikwissenschaftler, Amadeu Antonio Stiftung)

<pre class="western">
<font face="Arial, sans-serif">Thema:</font>
<pre class="western">
<strong><font face="Arial, sans-serif">No World Order – Wie antisemitische Verschwörungsmythen die Welt verklären </font></strong>
<pre class="western">
<font face="Arial, sans-serif">Zum Inhalt: </font>
<pre class="western">
<font face="Arial, sans-serif">Verschwörungserzählungen begleiten auch die aktuellen Krisen. In Form von „Lügenpresse“- und „Volksverräter“-Vorwürfen begegnet man ihnen auf
Demonstrationen der aktuellen rechtsextremen Bewegungen, in ihren „alternativen“ Medien und den Sozialen Netzwerken. Die Anhängerinnen und Anhänger 
von Verschwörungsideologien und –mythen machen auf diese Weise deutlich, dass es sich bei den zugrundeliegenden Erzählungen eben nicht ausschließlich um
Unterhaltung handelt, sondern ihnen der Wunsch nach der Vernichtung von Widersprüchen innewohnt. Der Vortrag mit anschließender Diskussion behandelt die Funktionen 
und Ursachen von Verschwörungsideologien sowie gesellschaftliche Probleme, die aus ihnen erwachsen.</font>
 
<pre class="western">
<strong><font face="Arial, sans-serif">Dienstag 21. Juni 2016 - 19 Uhr</font></strong>
<pre class="western">
<font face="Arial, sans-serif">Ort: Altes Heizhaus, Uni- Teil Str. der Nationen 62</font>

Ivo Bozic

(Mitbegründer und Mitherausgeber der Wochenzeitung Jungle World)

Thema:

Die Querfront als weltpolitisches Phänomen

Zum Inhalt:

War das Statement jetzt eigentlich von Sahra Wagenknecht oder doch von Alexander Gauland? Wurde das Transparent beim Ostermarsch oder bei Pegida gesehen? Hat das jemand von den Reichsbürgern gesagt oder stand das in der »Jungen Welt«? Antiwestlich, national und sozial: Ist das eigentlich rechts oder links – oder beides? In Deutschland ist seit den Erfolgen der neuen völkischen Bewegungen wie den Montagsmahnwachen, Pegida und der AfD oft von einer neuen Querfront die Rede. Doch die ist nicht nur ein deutsches Phänomen. In der neuen, zunehmend von China und Russland dominierten Weltordnung, spielen Rechts und Links längst keine Rolle mehr. Auch der Jihadismus entzieht sich klassischen ideologischen Schubladen aus Zeiten des »Kalten Krieges«. Postpolitische Politikansätze wie hierzulande die »Piraten«-Partei führen nur zur weiteren Entpolitisierung und können den neuen Querfrontstrategen nichts entgegensetzen. Ist es also sinnvoll, an den klassischen Zuschreibungen Links und Rechts festzuhalten, obwohl es mit dem völkischen Nationalismus und dem antiwestlichen und antizionistischen Antiimperialismus große Schnittmengen zwischen beiden gibt? Was eint so unterschiedliche Akteure wie Wladimir Putin, den »Islamischen Staat«, den Iran, Le Pen, Verschwörungstheoretiker, Teile der Linkspartei und Pegida?

Freitag 24. Juni 2016 - 19 Uhr

Ort: Altes Heizhaus, Uni- Teil Str. der Nationen 62

Dr. Tobias Jaecker

(Kommunikationswissenschaftler, Journalist, Autor und Redakteur bei radioeins (rbb))

Thema:

Querfront durch die Mitte- Verschwörungstheorien: Wie sie funktionieren und warum sie boomen

Zum Inhalt:

Verschwörungstheorien werden immer populärer: Für den Ukraine-Konflikt seien in Wahrheit die USA verantwortlich. Die Flüchtlingsströme basierten auf einem geheimen Plan der CIA. Die Finanz- und Wirtschaftskrise gehe auf das Konto von Rothschild, Rockefeller & Co. Warum sind solche Behauptungen selbst unter vermeintlich fortschrittlichen Menschen verbreitet? Warum bauen sie so oft auf Antiamerikanismus und Antisemitismus auf? Und was unterscheidet Verschwörungstheorien von echter Aufklärung und Kritik? Tobias Jaecker erläutert die Hintergründe und präsentiert aktuelle Beispiele.

Dienstag 28. Juni 2016 - 19 Uhr

Ort: Lesecafé Odradek, Leipziger Straße 3

Juliane Lang

(Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus)

Thema:

Antifeminismus als Bindeglied

Zum Inhalt:

Von den „Besorgten Eltern“ bis zu Pegida, von NPD bis AfD, von FAZ bis zur Süddeutschen Zeitung – überall beschwören antifeministische Protagonist*innen die Gespenster einer „Genderisierung“ ganzer Gesellschaften, einer „Verschwulung“ einst wehrhaft-männlicher Kämpfer und nicht zuletzt der „Frühsexualisierung“ ganzer Generationen einst behüteter Kinder. Was dahinter steckt, ist ein politisches Programm gegen die Infragestellung normativer Geschlechter- und Gesellschaftsentwürfe. Da, wo Männlichkeit und Weiblichkeit keine eindeutig zu bestimmenden, unhinterfragbaren Kategorien mehr sind, droht das gesamte völkische Konstrukt einer streng heteronormativ gedachten Ordnung zusammenzubrechen.

Der Vortrag diskutiert Schnittmengen und Unterschiede in den Strategien des in sich heterogenen Milieus antifeministischer Akteur*innen und fragt, inwieweit es ihnen aktuell gelingt, Einfluss auf gesellschaftliche Debatten um Geschlecht und sexuelle Vielfalt zu gewinnen.

Donnerstag 07. Juli - 19 Uhr

Ort: Lesecafé Odradek, Leipziger Straße 3

Peter Bierl

(Publizist und Journalist)

Thema:

„Völkisches Empfinden duldet keine Zinsknechtschaft“ - Kapitalismuskritik von rechts

Zum Inhalt:

Kapitalismuskritik von rechts und links weisen wesentliche Parallelen auf. Idealisieren erstere den Mittelstand und eine ständische Ordnung, moralisieren über Gier und Werteverfall, hetzen gegen Kaufhäuser und die internationale Hochfinanz, finden sich antisemitische Deutungsmuster, Nationalismus und Verschwörungsideologien auch auf linker Seite. Die Illusion eines gezügelten Kapitalismus ohne spekulative Finanzgeschäfte täuscht jedoch über den Kapitalismus als Gesamtsystem aus Fabrik, Büro, Discounter und Online-Versand, Bank und Börse, Kredit und Zins, Aktie und Derivat hinweg, dessen Ziel es ist, im Produktionsprozess aus Arbeitern maximalen Mehrwert herauszuholen.

Ideengebend für diese Art von Kapitalismuskritik ist die so genannte Freiwirtschaftslehre des Kaufmanns Silvio Gesell (1862-1930). Wie die Nazis, die die Parole vom schaffenden gegen das raffende Kapital prägten, behauptet er, Geldbesitzer würden Scheine und Münzen horten, um wie Parasiten von „ehrlichen“ Unternehmern und fleißigen Arbeitern einen Zins zu erpressen – eine Lehre, die Anknüpfungspunkte etwa Teilen der Occupy-Bewegung, dem Marxisten David Harvey und Postwachstumsökonomen wie Niko Paech bietet.

In dem Vortrag werden die verschiedenen Spielarten rechter Kapitalismuskritik skizziert, insbesondere die Freiwirtschaft kritisch dargestellt und gezeigt, wie weit verbreitet solche Ideen inzwischen sind, weil Heilslehren in Krisenzeiten Hochkonjunktur haben.

Zu den Veranstaltungen wird die Buchhandlung Universitas ausgewählte Bücher und Zeitschriften zum Thema und Publikationen der eingeladenen Referent*innen auf einem Büchertisch zum Kauf anbieten.

Organisiert:

Referat für Antidiskriminierung

Finanziert:

StuRa

Studentenwerk der TU Chemnitz

Kooperation mit

Buchhandlung Universitas

Radio T

Lesecafé Odradek

Bildungskollektiv Chemnitz

www.facebook.de/ReferatAntiDis